Zwei Filme entstehen an der IGS Badenstedt
Vom Kindersoldaten in Sierra Leone zum cineastischen Brückenbauer in Hannover

Wie ein ehemaliger Kriegsflüchtling heute Schülern der IGS Badenstedt Zuversicht vermittelt: Die erstaunliche Geschichte des Schauspielers und Filmregisseurs Michael Davies.
Katharina Kümpel
21.07.2025, 10:01 Uhr
Badenstedt. 16 Jahre alt ist Michael Davies, als der Bürgerkrieg in Sierra Leone 1996 in sein Leben einbricht. Vier Jahre kämpfte er als Kindersoldat in der Nationalarmee, erlebte die Brutalität des Bürgerkrieges hautnah. Heute hat der Speditionskaufmann, Schauspieler, Kinderbuchautor und Filmregisseur seinen Platz in Hannover gefunden. Sein Credo: Wer den Krieg überlebt hat, kann alles überleben. Heute möchte er Jugendlichen und vor allem denen, die mit diversen Benachteiligungen oder Kriegserfahrungen leben, Zuversicht vermitteln.
Entscheiden und handeln

Frisch eingezogen: Michael Davies kann mit seiner Filmagentur Sonnenkindfilm eine Bürofläche im Medienhaus Linden nutzen.
Quelle: Katharina Kümpel
„Ich wurde verführt, wie viele in meinem Alter“, erinnert sich der 46-Jährige und gibt offen zu, sich damals arrangiert zu haben. Zwei Jahre später tritt er in die Armee ein. Er erkennt schnell, dass dies ein Fehler gewesen ist und entscheidet sich, zu fliehen.
Der Weg zurück in ein normales Leben über Abidjan, Paris, Hamburg und Bremen nach Hannover war extrem schwer. Aber es war sein Weg, der ihn auch stark und um viele positiven Erfahrungen reicher gemacht hat, sagt er. „Ich habe Lebensentscheidungen getroffen, gehandelt und nicht aufgegeben. Wir entscheiden über unser Leben, niemand sonst!“ Geholfen hat ihm dabei auch seine positive Grundhaltung anderen gegenüber. Und er fand auf allen Stationen Förderer. Mit einigen ist er bis heute befreundet.
Wendepunkt Bremen: Erstmals auf der Bühne

Brückenbauer: Michael Davies versteht sich auch als Mentor und Brückenbauer.
Quelle: Andreas Jopp
In Hamburg stellt er seinen Asylantrag, 2001 kommt er nach Bremen. Fünf Jahre muss er dort auf eine positive Entscheidung warten. Die traumatischen Erinnerungen und die Angst vor Abschiebung holen ihn in dieser Zeit nachts immer wieder ein, sagt er. Doch er gibt nicht auf, und so öffneten sich auch in Bremen Türen. Heute weiß er: „Jeder Atemzug hat sich gelohnt, auch wenn ich manchmal warten musste und diskriminierende Erlebnisse hatte.“
Als Flüchtling solle sich jeder fragen, warum er in Deutschland sei, welches Ziel er habe und was er der Gemeinschaft geben könne, sagt er. Deutsch bringt er sich im Selbststudium bei, holt seinen Hauptschulabschluss nach, macht die mittlere Reife und absolviert die Ausbildung zum Speditionskaufmann.
Im Beratungs- und Behandlungszentrum für Flüchtlinge und Folteropfer „Refugio Bremen“ trifft er eine Therapeutin, die ihn fördert. Er jobbt als Kellner im Theater Bremen und trifft erneut eine Lebensentscheidung. Er sagt spontan „Ja”, als er gefragt wird, ob er kurzfristig als Ersatzschauspieler einspringen kann. „Als Schwarzmensch war ich da richtig“, sagt er ganz ohne Bitterkeit. Sein Talent wird erkannt, und er beginnt seine Schauspielerkarriere. 2016 stand er neben Dieter Hallervorden in der Rolle des „Feelgood Bambara“ in „Ostfriesisch für Anfänger“ vor der Kamera und spielte die Rolle des Bantu in „Berlin Alexanderplatz“. Auch das ist eine typische Davies-Botschaft: „Ich bin schwarz, sprecht Tatsachen doch direkt aus. Das Leben ist kompliziert genug. Wir müssen im Dialog bleiben und dürfen nicht sprachlos werden.“
Mentor und Brückenbauer in Schulen

Pausengespräch: Während der Dreharbeiten nimmt sich Michael Davies auch Zeit, um persönliche Themen zu besprechen.
Quelle: Andreas Jopp
Politisch engagiert er sich unter anderem als ehrenamtlicher Sprecher bei „Save the Children“. Seine Erfahrungen will er aber auch sehr praktisch an junge Menschen mit Filmprojekten weitergeben. „Wenn du in einer Rolle erlebst, dass du auch in schwierigen Situationen handeln kannst, dann macht dich das stärker und offen, das Leben selbst in die Hand zu nehmen“, ist Davies sicher. Gebe es dann noch Komplimente, sei das besser als jedes Medikament.
Arbeit mit Laienschauspielern an der IGS Badenstedt

Unterstützung: Sophie Neuendorff, stellvertretende Direktorin der IGS Badenstedt, freut sich auf den Start des neuen Filmprojektes von Michael Davies nach den Sommerferien.
Quelle: Katharina Kümpel
Neben seiner Tätigkeit als Schauspieler arbeitet er als sozialpädagogischer Assistent an diversen Schulen und leitet Workshops und künstlerische Projekte. An der IGS Badenstedt entstand sein Debütfilm „Schwarzer Weg“. Die Handlung: Der transsexuelle Schüler Romeo stellt seiner Klasse die Geschichte des Kriegsflüchtlings Femi vor, der zu Unrecht von einem hartnäckigen Polizisten gepeinigt wird.
Der Film „Schwarzer Weg“

Am Set: Das Produktionsteam des Kurzfilms „Schwarzer Weg“.
Quelle: Andreas Jopp
Der Kurzfilm zeigt den Kampf der beiden um das Verständnis ihrer Mitmenschen. Die Geschichte über Vorurteile, Geschlechterungleichheit und Integration basiert auf wahren Begebenheiten. Einen Teil davon kennen die Schüler-Schauspieler der IGS Badenstedt aus eigenem Erleben – und an der Straße „Schwarzer Weg“ in Bremen lag die Flüchtlingsunterkunft, in der Davies gelebt hat.
Der Film „Sade“

Mentor: Filmregisseur Michael Davies will junge Menschen ermutigen, eigene Wege zu gehen.
Quelle: Andreas Jopp
Im Oktober beginnen an der IGS die Dreharbeiten für das zweite Filmprojekt „Sade“, das der Stadtbezirksrat Ahlem-Badenstedt-Davenstedt fördert. Die Geschichte handelt von der 15-jährigen Sade, einer zielstrebigen und talentierten Fußballspielerin, die die Herausforderungen einer neuen Schule und eines feindseligen Umfelds meistert. Geleitet auch vom Einfluss ihres Onkels Gbenga, wird sie auch wegen ihrer Intelligenz und guten Noten zum Ziel von Mobbing – insbesondere von Benno, der selbst mit der repressiven Kontrolle seines Vaters zu kämpfen hat.
„Schwarzer Weg“ als Unterrichtsmaterial

Medienhaus Linden: Der Aufsteller steht bereits, das Einrichten des neuen Büros hier muss aber noch warten: Aktuell schreibt Michael Davies noch am Drehbuch.
Quelle: Katharina Kümpel
Der Film „Schwarzer Weg“ kann im Unterricht oder Bildungseinrichtungen eingesetzt werden. Kontakt ist die Filmagentur „Sonnenkindfilm“ im Medienhaus Linden, Schwarzer Bär 6: E-Mail: info@sonnenkindfilm.com
